Menu Schließen

Sechs Engel in Stammheim, eine Art Weihnachtsgeschichte

Sechs Engel in Stammheim

Seit dem 1. Advent behüten sechs Engel das Stammertal. Jeder hat eine Botschaft,   die er den Bewohnern überbringen möchte. Sie wurden auserwählt und für die Adventszeit auf die Erde, ganz konkret nach Stammheim gesandt. Warum Stammheim, wir wissen es nicht. Vielleicht, weil wir als fast Enklave so weit weg vom Zentrum leben oder weil wir ein wenig eigensinnig sind, aber das sind nur Mutmassungen.

Am Abend, wenn die Stammer ihren gerechten Schlaf halten, treffen sich die sechs Engel beim «Engel der Zuversicht», in der Gallus Kapelle über dem Dorf. Sie sitzen in den Kirchenbänken und erzählen von dem was sie erlebt haben. Der Sprechende steht jeweils auf der Kanzel.

Der «Engel der Hoffnung», er steht bei der Linde in Oberstammheim, ist nicht zu halten und steht als erster oben und es sprudelt aus ihm heraus.

«Ich weiss nicht, warum ich unmittelbar an der verkehrsreichen Hauptstrasse stehen muss. Immer wieder brausen grossen Traktoren mit schwerbeladenen Anhängern voller Zuckerrüben vorbei. Menschen hasten vorbei zum Einkaufen im Volg, schwerbeladen eilen sie zurück. Der ehemalige Gemeindepräsident parkiert immer so nahe, dass ich erschrecke. Schön, dass die älteren Menschen, häufig mit Rollatoren, ein Auge auf mich werfen und meine Botschaft mitnehmen. Sie sind mein Trost. Am Abend wird es ruhiger, dann kann ich mich entspannen. Ab und zu kommt ein einsamer Mensch vorbei und ich gebe ihm eine Portion Hoffnung mit. Ich nehme diese Herausforderung trotzdem an, halten aus und versuche noch mehr Hoffnung auszustrahlen.»

Der «Engel der Liebe» sieht sich kurz um und steht schon auf der Kanzel.

«Mir geht es ähnlich, ich stehe an der Hauptstrasse in Waltalingen. Zwar habe ich ein Dach über dem Kopf und trockene Füsse, aber auch bei mir brausen Autos und Lastwagen vorbei. Schlimm ist es am frühen Morgen, wenn sie mich mit ihren Lichtern blenden. Ich hoffe, dass sie das Wort «Liebe» lesen können und etwas davon in den Alltag mitnehmen. Ich werde meinen Auftrag hier auf Erden ausführen, es ist meine Mission. Gegenüber der Strasse ist der Eingang zu einer Zahnarztpraxis. Gestern hat mir ein kräftiger Mann einen scheuen Blick zugeworfen, so, als ob er sich göttlichen Beistand erhofft, bei dem was auf ihn wartet. Ganz in der Nähe steht ein kleines, herziges Metzgerhäuschen, Gestern gabs frische Blut- und Leberwürste. Als Vegetarier träumte ich den ganzen Tag von Sauerkraut und Salzkartoffeln. Eigentlich wäre ich lieber auf dem Hügel bei der Antonius Kapelle, aber ich sollte ja bei den Menschen sein. Vielleicht bleibe ich ganz auf Erden und bekomme einen festen Platz bei der Kapelle, das wäre mein grösster Wunsch.»

Würdevoll schreitet der «Engel der Dankbarkeit» zur Kanzel.

«Ich bin dankbar, dass ich mitten auf dem Dorfplatz in Unterstammheim stehen kann. In der Nacht auf den 1. Advent hatte ich zwar einen Schreckmoment, glaubte der Schneepflug würde mich umstossen. Sonst geniesse ich den belebten Platz, es ist ein stetes Kommen und Gehen. Immer wenn sich die Türe der Bäckerei öffnet erreicht mich eine feine Brise Brot Duft, nicht einfach das auszuhalten. Oft bleiben Menschen stehen, sie freuen sich an mir und rühmen die Macher. Ich spüre, dass die Menschen dankbar sind, hier in Stammheim leben zu können. Wo gibt es auf dem Land noch drei Volgläden, eine Bäckerei und einen Metzger. Gerade die älteren Menschen schätzen das sehr. Mich erfreuen zudem die vielen Kinder auf dem Weg in den Kindergarten und die Schule, Stammheim lebt. Liebe Mitengel, konzentriert euch mehr auf das Positive. Wir sind Engel mit einem himmlischen Auftrag.»

Der himmlische Auftrag ist das Stichwort für den «Engel der Geborgenheit», der bei der Kirche steht.

Er beginnt fast Pfarr herrlich: «Liebe Mitengel, es ist eine grosse Ehre auf die Erde zu den Menschen gesandt zu werden. Also, bitte keine Klagen. Auch ich habe meine Last zu tragen. Ausser am Sonntag und bei Beisetzungen ist es hier oben sehr ruhig. Einzig die Gärtner und wenige Besucher bringen etwas Abwechslung. Von Zeit zu Zeit ertönt Orgel- oder Alphornmusik aus der Kirche. Ich meditiere beim Rauschen des Windes in der Krone der grossen Kastanie. Schön, dass eine Stehleuchte erstrahlt, wenn man in die Kirche eintritt, das ist Geborgenheit wie ich sie mir Wünsche. Speziell ist es in der Nacht so nahe beim Friedhof. Dann höre ich feine Stimmen, sie erzählen von Früher, von den Reisläufern, die für die Italiener kämpften, von der Reformation, vom Sturm nach Ittingen. Aber auch von der neuern Zeit, den Konflikten bei den Güterzusammenlegungen, usw. Es ist auf eine Art unheimlich, aber auch ein Stück Geschichte. In solchen Momenten denke ich an früher, mehr als 2000 Jahre ist es jetzt her, als ich versuchte im kalten Stall von Bethlehem etwas Geborgenheit zu schaffen.

Jetzt ist die Zeit für den «Engel der Achtsamkeit».

Behutsam spannt er kurz seine Flügel und spaziert zur Kanzel. Die anderen rümpfen die Nase. War das jetzt nicht Stallgeruch, flüstert einer.

«Ich habe es schon gehört, kommt prompt die Antwort vom Engel der Achtsamkeit. Ja, ich lebe zwischen Bauernhöfen, draussen im Weiler Guntalingen. Herrliche diese frische Luft und der natürliche Duft. Ich bin neu bei euch, ihr wisst nicht viel über mich. Mein menschliches Leben habe ich als Bäuerin im Bayrischen Wald gelebt. Ein strenges, aber glückliches Erdendasein. Wir waren eine musikalische Familie, spielten viele schöne Auftritt in ganz Bayern. Schade, dass ich meine Steirische Ziehharmonika vom Himmel nicht mitnehmen durfte, sonst würde ich die Menschen in Guntalingen mit weihnächtlichen Klängen erfreuen. Auf der Kreuzung beim Volg hat er mässig Verkehr. Ich winke den Vorbeifahrenden kurz mit dem Flügel, dann lächeln sie. Die einen kommen zurück, können es nicht glauben, dass ich ihnen zugewunken habe, aber ich winke nur einmal. Die spüre, dass die Menschen unter den aktuellen Einschränkungen leiden, sie möchten gerne zusammen sein, möchten Besuch haben, plaudern, gemeinsam Essen. Darum liebe Mitengel, ist unser Hiersein so wichtig.»

Grundsätzlich hätte der Hausherr, der «Engel Zuversicht» das erste Wort gehabt, so tritt er nun als letzter auf die Kanzel.

«Ich bin hier oben, bei der Gallus Kapelle über dem Dorf, am richtigen Ort. Wenn man zuversichtlich sein kann, dann vor diesem Gotteshaus mit seiner langen Geschichte. Jahrhunderte hat es überlebt, ist standhaft geblieben. Von hier hat man freie Sicht über das Tal, hinaus bis zu den Bergen. Wenn sich die Sonne zeigt, strahlt sie mich an und wärmt Körper und Seele. Ich weiss, ich darf mich glücklich schätzen. Die Menschen steigen gemächlich die steile Strasse bergan, stellen sich vor mich hin und freuen sich staunend, den Engel der Zuversicht hier zu treffen. Wenn die Bank trocken ist, setzen sie sich neben mich, wir schauen dann gemeinsam auf das Dorf, auf seine verwinkelten Dächer, da und dort steigt Rauch aus einem Kamin auf. Schauen auf die winterlichen Felder, dahinter die Wälder und bei klarem Wetter der Alpenkranz. In die gleiche Richtung schauen, bietet die Chance die Zuversicht zu teilen, gemeinsam Hoffnung und Kraft zu schöpfen. Esoteriker würden von einem Kraftort reden, mir genügt «ein gutes Stück Heimaterde. Liebe Mitengel, wenn ihr jetzt zurück geht an eure Plätze, nehmt ein grosse Portion Hoffnung mit.»

1 Comment

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert