Für mein Büchlein «erlebt – erzählt – erfahren» habe 2017 den nachfolgenden Text geschrieben.

Chräbeli
Ich habe gemischte Erinnerungen an die Adventszeit. Ich wünschte mir alle Jahre einen frühen Wintereinbruch, am liebsten Schnee schon im November. Wenn es einmal im Dezember schon schneite, wurde der Schnee durch Regen und Westwind wieder weggefegt und mir blieb nur die Hoffnung auf weisse Weinachten. Aber auch dieser Wunsch wurde eher selten erfüllt.
Zum Glück konnten wir in der Schule intensiv Werken. Wir bastelten für jede Familie im Dorf eine kleine Weihnachtsüberraschung. Dafür reichten die zwei Wochenstunden nicht aus, so dass wir oft nach der Schule noch fleissig am Arbeiten waren und oft erst auf das Nachtessen nach Hause kamen.
Nebst den Hausaufgaben waren wir auch zu Hause am Weihnachtsgeschenke basteln. So war meine Zeit, auch ohne Schnee ausgefüllt. Da die Tage von Mutter mit Arbeit ausgefüllt waren, nutzte sie die Abende zum „Guetzle“. Sie hatte im Herbst das Haushaltgeld geschickt eingeteilt und immer wieder Zutaten eingekauft. Nebst den Klassikern wie Mailänderli, Zimtsterne, Spitzbuben und Nusshüfeli versuchte sich Mutter immer wieder an den Chräbeli. In meiner Erinnerung war sie immer wieder enttäuscht, dass die Chräbeli nicht erhofften schönen „Füssli“ hatten. Was hat Mutter nicht alles unternommen. In einem Jahr lagerten die Chräbeli über Nacht in der Stube an der Wärme, das andere Jahr im Keller an der Kälte. Es gab Jahre da verzichtete sie auf das Backen von Chräbeli um keinen Frust mit den Füssli zu erleben.
Die Geschichte fand in späteren Jahren ein erfreuliches Ende. Wie Mutter es schaffte, nicht nur wunderschöne Chräbeli zu backen, sondern auch Änisbrötli mit verschiedensten Model, hat sie nicht verraten. Als in Wernetshausen im Herbst ein Dorfmärt lanciert wurde, war Mutter von Anfang an mit dabei. Nebst Handarbeiten und selbst gedruckten Karten, bot sie ihre Änismodel an. Diese fanden guten Absatz, sie waren nicht nur eine Augenweide, sie hatten auch die richtige Konsistenz, nicht zu hart, nicht zu weich.
Nach meiner Pensionierung habe ich mich an die Chräbeli gewagt. Ich habe nicht gewusst, dass der Teig im Wesentlichen aus Puderzucker, Eier und Mehl besteht. Wichtig ist den Puderzucker mit den Eiern mit dem Mixer intensiv zu rühren. Der Teig sollte schön feucht sein, auch wenn es schwieriger ist den Teig aus zu rollen, es lohnt sich. Beim Trocknen ist gut zu erkennen, wie der Boden feucht bleibt und sich auf dem oberen Teil eine feine Haut bildet. Beim Backen die Türe einen Spalt offen lassen.
Mutter wird schmunzeln im Himmel. Vater wird sagen, das hätte ich nicht erwartet!
16.11.2017 Peter Zollinger
Chräbeli sind auch heute die einzigen Guetzli die ich backe. Inzwischen habe ich Routine und sie erhalten regelmässig mehr oder weniger schöne Füessli.